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Die Wahl des Bauplatzes in der armenischen Sakralarchitektur 01.02.2018

„ Die Schlucht des Wajotz war ein Ring ohne einen kostbaren Stein. Ich baute eine Kirche, die der Stein in diesem Ring werden sollte”.

 

Die Geschichte der Menschheit ist untrennbar mit der Geschichte ihrer Religionen und ihrer durch sie initiierten Architektur verknüpft. Alle großen Religionen haben außer ihrer internen Geschichte, die aus ernst zu nehmender Wissenschaft besteht und die „geheimen Lehren” von Gelehrten, Propheten und Messiahs umfasst, eine auch unmittelbar an den Betrachter gerichtete Geschichte, die offen und sichtbar ist für jedermann: „Dies ist die offizielle Geschichte, die überall gelesen werden kann”2.

Sakrale Architektur ist der offene, nach außen gerichtete, ästhetische, emotionale und sichtbare Teil der Religionsgeschichte. Diese Architektur ist untrennbar mit der Natur verbunden, aus der sie abgeleitet und In deren Umfeld sie entstanden ist. Stets wurden besondere Plätze für die Konstruktion von Gotteshäusern ausgewählt, z.B. heilige Haine, Ufer von heiligen lüssen, Plätze der Verkündigung und solche, an denen die großen Esotheriker, Propheten und Messiahs lebt haben.

„Der große Pythagoras hat immer im Tempel der Musen gepredigt. Die Senatoren von Kroton errichteten ihn auf Geheiß des Pythagoras inmitten der umgebenden a rtenbäume”3.

„Architektur schien eine so große Innovation gewesen LU sein, dass auf einer der ältesten mesopotamischen skulpturalen Abbildungen des Königs er als ein Architekt dargestellt wird, der den Plan einer Festung auf seinen Knien und ein Zeichengerät mit Maßstab hält”4.

Als sich die Religionen änderten, musste sich auch die Architektur ihrer Bauten wandeln. Eine neue Religion und die für sie planenden Architekten haben in der Regel jedoch die Prinzipien der für sakrale Bauten angemessenen Platzwahl akzeptiert. Überdies wurden häufig auf denselben Plätzen, auf denen sich vorher heidnische Tempel befunden hatten, christliche Kirchen errichtet. „Wir haben die Periode erreicht, in der das Christentum die Architektur der alten hellenistischen Welt besiegelt. Die armenische wie die byzantinische Architektur blieben mit ihren direkten Nachwirkungen verbunden”5, stellt einer der bekanntesten Architekturtheoretiker, Auguste Choisy, fest.

Generell wurden christliche Kirchen und später auch dl Klöster in Armenien auf den Plätzen vormals heidnischer Tempel erbaut. Historiker des 5. Jahrhunderts wie Agat ‘angeghos’, Faustus von Byzanz und Senob Glak kamen zu der Einsicht, dass nach oder in Verbindung mit der Proklamation des Christentums als armenischer Staatsreligion viele heidnische Tempel im Lande in christliche Kirchen umgewandelt worden seien.

Deren Altäre wurden von West nach Ost verlagert, oder sie wurden zerstört, und neue Mauern wurden auf den alten Tempelfundamenten aufgeführt6.

Bisherige Forschungen, Analysen und Beschreibungen der heidnischen armenischen Tempel und der frühen christlichen Kirchen haben diese Aussagen der Historiker bestätigt. Nach M. Has’rat’jan gab es rechteckige Steinstrukturen, von Ost nach West gerichtet, auf einem gestuften Stylobat ruhend und eine Apsis aufweisend, entweder vorstehend oder in das Mauerrechteck zurückgenommen, im Osten unter einer hölzernen oder gewölbten Decke und einem ziegelgedeckten Giebeldach. Die Kirchen wurden in denselben Techniken wie die antiken vorchristlichen Gebetshäuser erbaut und hatten ähnliche strukturelle Elemente7.

Mit Beginn des 4. und noch während des 5. Jahrhunderts fand das Mönchtum in der christlichen Welt weite Verbreitung. Die Menschen gingen in die Einsamkeit, um in tieferen und engeren Kontakt mit Gott zu treten, hierbei weltlichen Vergnügungen entsagend. Natürlich konnte die christliche Kirche dem nicht tatenlos gegen­ überstehen. Im 4. Jahrhundert war das Christentum in vielen Ländern Staatsreligion, und da die Kirche diese Bewegung akzeptierte, wurden viele Klosteranlagen als Ausdruck geregelter Lebensformen fernab besiedelter Plätze errichtet8.

In Armenien expandierte das Mönchtum gleichzeitig mit der Ausbreitung des Christentums im Lande (2. und 3. Jahrhundert)12 . Es gab hier schon vom 4. Jahrhundert an Klöster (z.B. dasjenige von Ar’taschat in Tar ‘on), aber erst vom 5. Jahrhundert an fanden sie größere Verbreitung . Dieses Phänomen hat in vielen Fakten und Bedingungen eine Erklärung. Im Jahre 387, als Armenien seine Unabhängigkeit verlor, und im Jahre 428, als die Ar’schakuni -Dynastie endete, war die Kirche die einzige Institution im Lande, die für die nationale Sicherheit und den Schutz ethnischer Identität stand. Die Schulen, vor dem Zusammenbruch der Ar’schakuni- Dynastie staatliche Einrichtungen, gelangten nun unter die Jurisdiktion der Kirche.Die Wurzeln des Mönchtums9 (des „Alleinwohnens”) gehen weit in die Vergangenheit zurück. Die monastische oder asketische (anachoretische) Bewegung formte sich bereits im 1. und 2. Jahrhundert besonders in Ägypten und Palästina heraus10, d.h. innerhalb der ersten Jahre der Ausbreitung des Christentums in der Welt. Es muss in diesem Zusammenhang erwähnt werden, dass ähnliche Trends bereits längere Tradition hatten und z.B. in der Zeit des 5. vorchristlichen Jahrhunderts in Indien und Israel existierten. In diesem größeren Kontext betrachtet lässt sich das Mönchtum in jeder Religion, die einen hohen Grad ethischer Entwicklung erreicht hat, antreffen, so bei der brahmanischen, buddhistischen, jüdischen , christlichen und islamischen Religion11

Klosteranlagen („Wank”, „Wanakan Hamalir”‘ = Klostera nlagen mit mehreren Gebäuden, Gebäudegruppen bzw. Kirchen) werden in Armenien auch als „Anapat” – d.h. als Einsiedelei bezeichnet. Das Wort „Einöde” b deutet in diesem Zusammenhang „von Menschen verlassen”, „unbewohntes Land”. Interessante Information über die Mönchsgemeinschaft christlicher Einsiedeleien erhält man aus der Schrift „Über einsame Menschen (Mönche) = Jaghags’ Miatzank”‘ des Historikers Jeghische. Nach Jeghische sind derartige Gemeinschaften vor allem in Palästina verbreitet gewesen13.

Es gab zwei Haupttypen von Klosterstandorten in Armenien:

 

– Anlagen innerhalb oder nahe bei einer Siedlung (Dorf, Stadt, Großstadt), wo die Kirche oder das Kloster für den Bedarf der örtlichen Bevölkerung eine aufklärerische, erzieherische, soziale und – natürlich – religiöse Rolle spielte (z.B. die Klöster von Haghpat, S’anahin, S’ur’b Edschmiatsin, Howhannawank’, S’aghmos’awank’, Mughni usw.);

 

– die weitab von besiedelten Plätzen in der Einöde errichteten so genannten „Anapats”, die – wie bereits dargestellt – der Isolation und einem Mönchtum im Sinne religiöser Vertiefung dienten, dies in Abgeschiedenheit vom weltlichen Leben (z.B. die Klöster von Haghart’sin, Swar’t’notz, die Große Einsiedelei von Tat’ew’, Bartsghak’ar’sch, Geghar’d, Amaghu Nor’awank’ usw.).

 

Religiöser, mystischer und spiritueller Faktor

 

– Bagawan, ein abgeschiedenes K loster Johannes’ d.T.

 

Bagawan, die „Stadt der Götter”, war ein berühmtes religiöses Zentrum, im heidnischen und christlichen Ar menien gleichermaßen bekannt und in der Region von Baghr’ewand am linken Ufer des Ar’atsaniflusses, des Euphrats, gelegen.

Das Kloster Johannes’ d.T. (S’. Karapet) liegt in der Stadt Bagawan. Die Burg von Dar’onk’ (heute Bajaset), das Eigentum der Bagr’atidenfamilie, befand sich ganz in seiner Nähe. Nikolaus Adontz schrieb: „Bagawan wird geradezu als die Wirkstätte des hl. Gregor bezeichnet”14.

Der Armenische Historiker Moses von Khorene schrieb: „Der armenische König

Tigr’anes‘ II., der Große, stellte die Grabstätte seines Bruders Maschan, des Oberpriesters von Armenien, in Boghew’atz Awan (in der Stadt Boghew’atz [Stadt der Götter]), wieder her, die in der Region von Baghr’ewand lag und baute einen heidnischen Tempel über dem Grab, damit den Vorbeireisenden eine Opferstätte und eine Unterkunft für die Nacht zur Verfügung standen”15.

Derselbe Moses von Khorene berichtete, dass König Ar’taschir’ (Ar’tasches’) befahl, ein „ewiges Feuer” im Tempel zu entzünden, der sich in Bagawan befand. Über den Begräbnisplatz des vorgenannten Oberpriesters Maschan in Bagawan berichtete Moses von Khorene: „Sie töteten Maschan und brachten ihn in die Stadt Boghew’atz und begruben ihn als obersten Priester”16. losif Or’beli vermutete, dass Bagawan der Begräbnisplatz der heidnischen Oberpriester Armeniens gewesen sei.

Das Gotteshaus von Bagawan (nicht das heutige, sondern das originale) wurde einer Legende nach von Gregor dem Erleuchter am Ende des 3. Jahrhunderts errichtet. Der HI. Gregor habe die Anweisung gegeben, eine Kirche in Bagawan zu bauen17.

In der arabischen Version der Hagiografie wird festgestellt, dass vor der Christianisierung der Armenier „der hl. Gregor eine Kirche in Bagawan bauen wollte … und nach 30 Tagen, als die Geistlichkeit sich versammelt hatte, er jedermann mit sich nahm und an den Euphratfluss nahe der königlichen Stadt, die Bagawan genannt wurde, ging. Nach der Taufe, die von einem Wunder begleitet wurde, versammelte der Heilige die gesamte Geistlichkeit, und mit Gebeten, entzündeten Kerzen und Weihrauch geleitete er sie zu der Kirche, die er gebaut hatte, und vollzog dort einen Gottesdienst”18.

In der armenischen Fassung der Hagiografie gab es die Information, dass die Kirche in Bagawan vom hl. Gregor erbaut worden ist. Der Historiker Agat’angeghos’ erwähnte ebenso: „Gregor erbaute die Kirche und bestattete die Reliquien Johannes’ des Täufers in Bagawan”19.

Der Historiker Ghasar P’ar’petzi bezog sich zweimal auf die Kirche von Bagawan, aber er nannte sie „Martyrion, das Martyrion des apostelgleichen hl. Gregor” 20.Nach Faustus von Byzanz wurden Reliquien Johannes’ d.T. in der Kirche von Bagawan beigesetzt21. Nach Ghasar P’ar’petzi ist also die Kirche von Bagawan das Martyrion Gregors des Erleuchters, und nach Faustus von Byzanz sind in sie Reliquien von Johannes dem Täufer transloziert worden. Die Kirche, die von Gregor dem Erleuchter erbaut wor­ den ist, wurde zu Beginn des 7. Jahrhunderts zerstört. An ihrer Stelle kam es im Jahre 639 zur Errichtung der berühmten neuen Kirche von Bagawan (vgl. Abb. 1).

„Im 21. Jahr der Regierung des von Gott gesegneten Königs Heraklius22, am 15. Juli 631 n. Chr., legte ich, Herrscher Jesr’23 der Katholikos aller Armenier und der heiligen Bewohner der Klöster mit dem Wohlwollen Gottes den Grundstein dieser heiligen Kirche, und im 29. Jahr der Regierung desselben Königs Heraklius, am Freitag, den 9. Juli 639 n. Chr., wurde diese Arbeit unter Einbeziehung örtlicher Mittel durch den Architekten ls’r’ael Gor’aghi vollendet” 24 (Inschrift auf der Kirchenwestwand, sich auf 59 Steine erstreckend). Bagawan ist eine der größten armenischen Kirchen, erbaut auf einem heiligen Platz. Der heidnische Tempel, der sich im Zentrum politischer und religiöser Aktivitäten des Landes befand, stammte aus der Zeit von Tigr’anes’ dem Großen und war Begräbnisplatz seines Bruders Maschan, des obersten Priesters Armeniens; schließlich wurde der Tempel von Gregor dem Erleuchter (in der Nähe der königlichen Stadt) abgetragen und an gleicher Stelle eine Kirche gebaut, in welcher die Reliquien Johannes’ d. T. bestattet wurden. Sie galt zudem – wie bereits dargestellt – als Martyrion eben dieses Erleuchters.

Die religiösen Wurzeln bei der Wahl dieses Platzes sind offensichtlich. Religionsgeschichte ist hier von der heidnischen Epoche bis zur frühchristlichen Zeit nachvollziehbar.

 

история архитектуры багаван

Abb. 1 Kirche von Bagawan, Grundriss, (Zeichnung aus: M. Hasratian, Early Christian Architecture of Armenia, Moscow 2000, S. 158, dort Abb.5)

Զվարթնոց Звартноц

Abb.2 Palastkriche von Swar’t’notz, Ansicht von Norden (Foto: Verf.)

Zvartnots Զվարթնոց

Abb.3 Ismoterie per Palastkriche von Swar’t’notz, Rekonstruktion nach T’. T’oramanjan (Zeichnung aus: S. Kh. Mnatsakanjan, Zvartnots. The Monuments of Armenian architecture, VIIth century, Moscow 1971 [rus. Text], Abb. 6,2 und 6,3)

Звартноц

Abb.4 Isometrie der Gesamtanlage von Swar’t’notz, Rekonstruktion nach S’. Kh. Mnatzakanjan (Zeichnung aus: S.Kh. Mnatsakanjan [wie Abb.3], Abb.17)

 

– Waghar ‘schapat, Swar’t’notz-Kirche

 

Der Tempel der „wachenden Kräfte” wurde von Katholikos Ner’s’es’ III., dem Baumeister 25 , im 7. Jahrhundert errichtet. Der Platz, an dem Swar ‘t’notz erbaut wurde, ist interessant für die vorliegende Untersuchung und ebenso ein Beleg für das Fortschreiben von Traditionen, denn es gab eine urartäische Stele auf dem Gelände der Kirche mit einer Inschrift des urartäischen Königs Rüs’s’as II., datiert 615 v. Chr. Nach dem Akademiemitglied Piotrovskiy „… gab es 47 Zeilen eines Keilschrifttextes auf der urartäischen Stele, in welcher die Hauptbauaktivitäten Rüs’s’as II. beschrieben waren …”26.

Auch konnte nachgewiesen werden, dass später, d.h. im hellenistischen Armenien, ein Tempel des heidnischen Gottes Tir’ 27 dort errichtet worden ist.

Nach einer Legende haben sich an diesem Platz Gregor der Erleuchter und der heidnische König Tr’dat III. getroffen. Danach wurde der heidnische Tempel zerstört und an seiner Stelle eine gewölbte Kapelle errichtet, deren Ostapsis bis in unsere Tage erhalten geblieben ist. Und schließlich hat in der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts Katholikos Ner’s’es’ III., der Baumeister, die bekannte Kathedrale von Swar ‘t’notz und den zugehörigen Katholikospalast erbaut (vgl. Abb. 2-4) . Natürlich wurden ebenso andere Faktoren bei der Auswahl dieses Platzes berücksichtigt, aber der religiöse Faktor spielte hier die ausschlaggebende Rolle.

Auch sind die Namen bedeutender Politiker und religiöser Förderer eng mit diesem Ort verbunden. Die Tatsache seiner günstigen Lage an der Hauptstraße zur alten Hauptstadt und zum kulturellen Zentrum Armeniens Waghar’schapat (Edschmiatsin) und seine Entfernung von weniger als 15 km von den urartäischen Städten Er’ebuni oder T’ejschebaini (Kar’mir’ Blur’) sind weitere Gründe für die Platzwahl, aber offenkundig waren sie hier nicht die ausschlaggebenden Faktoren. Ein Historiker des 7. Jahrhunderts , Bischof S’ebeos’ , berichtet, dass Katholikos Ner’s’es’ die Kathedrale von Swar’t’notz fernab der Siedlung erbaut habe. S’ebeos’ nannte diese Kirche S’ur’b Gr’igor’ von Ar’apar’. Ar’apar’ (Anapat) bedeutet in diesem Fall Einsamkeit, Distanz von Siedlungen. Die Worte des Historikers belegen noch einmal die monastische Natur von Swar’t’notz.

 

– Kloster von Chor’ Wir’ap (Platz der Gefangenschaft Gregors des Erleuchters)

 

Chor’ Wir’ap bedeutet auf Armenisch „tiefes Loch” („tiefe Grube”). Nach den Historikern Agat’angeghos’ und Mows’es’ von Chor’enatzi war Chor’ Wir’ap ein Gefängnis in der Hauptstadt Ar’taschat und bereits in dieser Funktion bekannt im hellenistischen Armenien.

T’. T’oramanjan ging davon aus, dass Chor’ Wir’ap ein Arrest- oder Exilort in „königlichen Zeiten” war, wie er schrieb.

Der hl. Gregor wurde hier von König Tir’idates’ III. eingekerkert. Eine Person, die in dieser Grube gefangen gehalten wurde, konnte nur wenige Tage ohne Wasser und Nahrung überleben, doch Gregor überlebte dank eines Stückes Brot, das ihm eine alte Frau brachte28. Später, als der hl. Gregor sich wieder in Freiheit befand und das Christentum in Armenien als Staatsreligion verkündet worden war, wurde Chor’ Wir’ap als heiliger Ort bezeichnet, weil Gregor der Erleuchter dort für eine lange Zeit gefangen gehalten worden war. Die Kirche des hl. Gregor im Kloster von Chor’ Wir’ap ist exakt über der Gefängnisgrube errichtet. Man geht davon aus, dass dieses überkuppelte, unregelmäßig gekurvte Verlies des 3. Jahrhunderts n. Chr. sich noch im Originalzustand erhalten hat29.

 

Khor Virap

 

Abb.5 Klosteranlage Chor’ Wi’r’ap, Ansicht von Nordosten (Foto: Verf.)

Էջմիածին Հռիփսիմե

 

Abb. 6 Êdchmiatsin, Hrip’s’imekirche, historischer Begräbnisplatz im Osten der Kirche (Foto: H.Hofrichter)

 

Edchmiatsin

 

Abb. 7 Êdchmiatsin,Kathedrale, Feueraltar unter dem Fußboden (Foto: H. Hofrichter)

 

 Abb. 8 Klosteranlage von Tat’ew’, Ansicht von Südwesten (Foto: Verf.)

 

– Kirchen von S’ ur’b Hrip ‘s ‘ime, S ‘ur ‘b Gajane, Schoghakat’ und S ‘ur ‘b Edschmiatsin

 

Die religiöse und symbolische Natur der Gründung von Kirchen und Kapellen vermittelt auch die Überlieferung von der Errichtung der Kirchen der hl. Hrip’s’ime, der hl. Gajane, von Schoghakat’ und der Kathedrale aller Armenier in der alten Hauptstadt Armeniens Waghar’schapat (gegenwärtig Edschmiatsin).

Über die Gründung der Hrip’s’ime-, Gajane- und Schoghakat-Kirche besteht eine bemerkenswerte Legende. Der Historiker Agat ‘angeghos ‘ berichtet davon, dass christliche Jungfrauen vor dem römischen Kaiser Diokletian flüchteten. Nach der Legende gelangten die hl. Hrip’s’ime, die hl. Gajane und ihre Gefährtinnen nach Armenien, wo der heidnische König Tr’dat III. sie gefangen nahm. Die Schönheit von Hrip’s’ime beeindruckte den König, und er stellte ihr einen Heiratsantrag, aber Hrip’s’ime wies das Angebot des heidnischen Königs zurück. Als später Tr’dat sie mit Gewalt gefangen nehmen wollte, flüchtete Hrip’s’ime. Die Legende berichtet, dass auf Befehl des Königs alle Jungfrauen bei Nacht in verschiedenen Teilen der Stadt ergriffen und ermordet wurden. Hrip’s’ime wurde im nordöstlichen Bereich nicht weit von der Stadt verbrannt, und 32 andere Glaubensgefährtinnen wurden auf demselben Platz getötet, wo Hrip’s’ime auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden war.

Gajane wurde mit zwei ihrer Gefährtinnen gefasst und im Süden des Palastes von Tr’dat in einem Kelterhaus hingerichtet. Nach dieser Legende ging König Tr’dat am siebten Tag danach auf die Jagd, wo er sich in einen Eber verwandelte. Die Schwester des Königs Chos’r’owducht hatte einen Traum, wonach ein christlicher Märtyrer mit Namen Gregor, der vom König in Chor‘ Wir’ap gefangen gehalten werde, ihren Bruder heilen könne. Gregor wurde in Freiheit gesetzt. Er heilte d n König und christianisierte anschließend das heidnische Armenien. Der hl. Gregor begrub die Körper der I’,töteten Jungfrauen, und nach der Legende baute 1 1 K pellen an den Stellen, an denen drei von ihnen den Märtyrertod erlitten hatten. Genau diese Legende existiert im Erbe vieler Historiker und liefert interessantes Material über die Konstruktion von Kirchen in der Stadt Waghar’schapat während des 4. Jahrhunderts. Die Gründung einer frühen Kapelle, ausgegraben etwa 50 m von der berühmten Hrip’s’imekirche entfernt, errichtet von Katholikos Komitas’ im Jahre 612, scheint die legende zu bestätigen. Denn es gab zahlreiche Begräbnisse in der Nähe der Fundamente dieser Kapelle. So fand man 32 Nonnen in steinernen Särgen30.

Die Überreste dieser Bestattungen waren bis vor kurzem zugänglich, da sie sich aber in einem extrem schlechten Zustand befanden (die meisten der Särge waren zerbrochen und zerstört), entschied im Jahre 1995 Katholikos Gar’egin I., eine kleine offene Kapelle auf der Ostseite des Hrip’s’ime-Klosters auf dem alten Begrabnisplatz zu errichten und die Überreste der Jungfrauen in dieser Kapelle zu bestatten (einige steinernen Särge sind jedoch noch jetzt in der Nähe der Fundamente der Kapelle zu betrachten [vgl. Abb. 6]). Eine andere Legende berichtet, dass der hl. Gregor gehabteinen Traum gehabt habe. Der Himmel war geöffnet, und eine fliegende Lichtgestalt schwebte herab und zeigte ihm – mit einem goldenen Hammer auf den Boden schlagend – den Platz, an dem die Kirche S’ur’b Edschmiatsin gebaut werden sollte31. Es ist auch erwiesen, dass sich die Kathedrale an der Stelle befindet, an der zuvor ein heidnischer Tempel gestanden hatte.

Dieser heidnische Feueraltar ist unter dem Altar der heutigen christlichen Kirche von Edschmiatszin, der Kathedrale der Armenisch–Apostolischen Kirche, zugänglich (vgl. Abb. 7).

 

Ökonomischer Faktor

 

Nach H. Manandjan entstanden, formten und entwickelten sic h Städte und Festungen in Armenien während der seleukidischien Epoche in der Nähe der so genannten „Königlichen Straße”.

Bei dieser Gelegenheit muss den zugänglichen, vielleicht den ersten relativ detaillierten Lagebeschreibungen verschiedener Regionen und Städte in Entsprechung gerade mit den alten Straßen Aufmerksamkeit zuteil werden, die den Fernen Osten mit dem Westen verbanden. Die Landkarte, die von S’. T. Jer’emjan entsprechend den Beschreibungen der „Königlichen Straße“ von Herodot angefertigt wurde, und die Karte des griechischen Rückzugs von Xenophon (gezeichnet von H. Manandjan, Abb. 10) sind diesem Artikel beigefügt.

Auf der Landkarte von S’. T. Jer ’emjan verband die so genannte „Königliche Straße”, die von Herodot beschrieben wurde32, die Hauptstadt von Persien, Schosch (Susa), mit der ehemaligen Hauptstadt von Lydien, Sardis. Von Babylon aus hatte diese Straße eine Seitenlinie durch die Berge des Zagrosgebirges, über den Fels von Bagis’tan, nach Ekbatana (heute Hamadan) und von dort zur baktrisch-indischen Grenze. Nach Herodot führte ein Teil dieser Straße durch Armenien. „Der schiffbare Teil des Euphratflusses bildete die Grenze von Armenien und Kilikien”, schrieb Herodot33. Die „Königliche Straße” hatte in Armenien 15 mit Wohnräumen ausgestattete Stationen für eine Entfernung von 56,5 par’s’eks34, d.h. ca. 302 Kilometern.

Es gab auch von der Straße aus erreichbare Befestigungen. Von Armenien nach Melitene (Malatya) bestanden weitere 34 Stationen auf eine Entfernung von insgesamt 137 par’s’eks35.

Den Berichten von Xenophon ist zu entnehmen, dass 10 000 Griechen, die sich durch Armenien an das Schwarze Meer zurückzogen, an den Euphratfluss (armen. Ar’atsani) gelangten und ihn nicht weit von seinem Entstehungsgebiet überquerten 36. Später marschierten die Griechen drei Tage durch eine Ebene und hielten sich in Dörfern auf, die unterirdische Wohnbauten hatten37. Nach der Beschreibung des Xenophon befand sich die Station von Bagauna (Bagawan) in einer Entfernung von rund 21 Kilometern nahe den Mineralquellen von Diadin38. Von Bagawan zogen die Griechen über den Araxes nach Ar’taschat. Später nahmen auch Pompejus, Lucullus, Corbulo, Statius Priscus und andere römische Generäle diese Route. So wurde diese Strecke die bedeutendste Straße von Tigr’anaker’t nach Bagawan, letzteres war die Hauptstation. Von hier erstreckte sich die Straße nach Ar’taschat, dann wendete sie sich nach Westen zur Stadt Satala und zum Schwarzen Meer nach Trapezunt. Letztere war eine wichtige Handelsstation, über welche die wichtigsten Exportgüter wie Pferde, Maultiere, Farben, Wein, Öl und Grabsteine liefen. Die von S’. Jer’emjan nach Xenophon erstellte Karte „Armenien und Kleinasien”39 zeigt die Route des Rückmarsches der 10 000 Griechen an das Schwarze Meer (401 bis 400 v. Chr.).

Hier wird noch einmal Bagawans Kern-Rolle im alten Armenien deutlich, eine nicht nur religiöse, sondern auch ökonomische Rolle, die die Stadt gespielt haben dürfte. Und es ist nur allzu natürlich, dass Bagawan eines der Hauptzentren des Heidentums im hellenistischen Armenien gewesen ist, wie bereits in Verbindung mit seiner Funktion als Begräbnisort der höchsten heidnischen Priester Armeniens dargestellt worden ist. Die Priesterschaft Armeniens beteiligte sich stets am politischen Leben und nahm eine Schlüsselfuktion im ökonomischen, verwaltungstechnischen und kultu­ rellen Leben des Landes ein. Während der Perioden der Abhängigkeit und des Interregnums stellte die Armenische Kirche oft die einzige Staatsautorität im lande dar. Viele Male war der Katholikos Armeniens praktisch das Landesoberhaupt und damit verantwortlich für das armenische Volk.

Die Rolle der Kirche wurde besonders vom 9. bis 14. Jahrhundert gestärkt. Die Klöster wurden Zentren geistiger Aktivitäten. Während der Herrschaft der Bagratidendynastie bildeten sich große und wirtschaftlich starke vom Adel geförderte Klöster in Armenien her­ aus, die verschiedene Einrichtungen und Ländereien besaßen40. Bald gelangten viele Dörfer unter den Einfluss mächtiger Klöster, die es zu einer schnellen Entwicklung und zum Anwachsen von ökonomischem, politischem und verwaltungstechnischem Einfluss und Ansehen nicht nur in ihrem eigenen Umfeld, sondern im Lande insgesamt brachten.

Mehr als 500 Dörfer gehörten im 10. Jahrhundert allein zum Kloster von Tat’ew’. Alle Bauern und Ländereien unterstanden dem Kloster (vgl. Abb. 8), insbesondere dem Bischof als dem Oberhaupt der Diözese. Natürlich war dies auch Anlass zur Unzufriedenheit der Bauern. Lokale Revolten begannen bereits im 10. Jahrhundert und setzten sich bis ins 11. Jahrhundert fort, sich hierbei in eine große Bewegung wandelnd, wie die der„T’ondr’akianer”41 Diese Bewegung breitete sich in die nördlichen und nordöstlichen Gebiete aus und verursachte ebenso große Konflikte zwischen Geistlichkeit und Bauern in den Provinzen Sjunik’ und Ajr ‘ar’at. Im Jahre 915 griffen die Bauern sogar das Kloster von Tat’ew’ an und verwüsteten es.

 

Armenia

 

Abb.9 Route Kyros’ d.J. im Feldzug gegen seinen Bruder Artaxerxes II. mit Ruckzug der Zehntausend und Eintrag der “Könglichen Straße”(Zeichnung: Verf. nach S’.T. Jer’emjan in: Xenophon, Anabasis [wie Anm. 32], S.240)

Armenian map

 

Abb. 10 Hauptstraßenverbindungen von Arthakhala nach Satala und Tigranocerta nach Angaben Xenophons und der Peutinger-Karte (Zeichnung: Verf. nach. J. H. Manandjan[wie Anm. 34] S. 14)

 

Militärischer und verteidigungstechnischer Faktor

 

Die Armenische Kirche und vor allem die Klöster waren eine der Hauptbasen und Garanten für Stabilität und Selbstverwaltung auf dem ande, regiert von zentralen Autoritäten wie dem Katholikos, einem König oder Fürs­ ten. Vor allem im Zeitraum vom 9. bis 14. Jahrhundert entwickelten sich Klosterensembles mit in ihre Struktur einbezogenen Diözesaneinrichtungen, in der sich eines der wichtigsten territorialen Selbstverwaltungssysteme etablierte, mit einer Autorität vergleichbar derjenigen starker Feudalherren oder Fürstentümer.

In diesem Kontext ist die strategische Rolle der Klöster von großer Bedeutung. In der Regel wurde kein Kloster spontan an irgend einem nicht in ein Konzept eingebundenen Platz gebaut oder ausgebaut.

Für die Wahl der Klosterbauplätze existierte ein wohl­ durchdachtes Konzept. Auf der abgebildeten Karte (Abb. 11) wird die Lage vieler Klöster, in deren Umfeld sich häufig Siedlungen entwickelten, parallel zu derjenigen der Burgen und wichtigsten Straßen historischer Zeit, welche die damaligen Städte und wichtigen Plätze miteinander verbanden, unmittelbar ersichtlich. Ebenso wird auf dieser Karte, die von italienischen Forschern entworfen worden ist, das Straßensystem und das damit in Verbindung stehende fortifikatorische System auch z.B. des bagr’atidischen Königreichs dargestellt bzw. letzeres angedeutet. Wenn man die Karten mit ihren Straßen, die verschiedene Klöster, Städte und Burgen verbinden, sorgfältig studiert, dies ebenso wie die Beschaffenheit und Bedingungen an den einzelnen Plätzen, so muss man feststellen, dass sich die meisten dieser Zentren um bestehende Siedlungen und Straßen herausgebildet und entwickelt haben und – was sehr bedeutsam ist – in der Nähe großer militärischer, d.h. verteidigungstechnischer Anlangen, welche die Sicherheit der Bevölkerung während Belagerungen und Angriffen erlaubten. Das Vorhandensein von benachbarten Burgen und Zitadellen spielte hierbei unzweifelhaft eine wesentliche und vitale Rolle. Als Beispiele seien im Folgenden einige derartiger Anlagen als Hauptbestandteile von Systemen erwähnt:

 

Armenian map

 

Abb. 11 Hauptstraßen- und Verteidigungssytem des mittelalterlichen Armenien vom 10. bis 14. Jahrhundert (Zeichnung: Verf. nach Documenti di architettura Armena 12: Ani, Venezia 1984, S. 32/35)

 

– Amber’d

De Klöster S’aghmos’awank’, Howhannawank ‘, Mughni, Tegher’, Teghenjatzwank’, As’twatse’nkal, die Kirchen von Aschtar’ak, die Basilika von Ghasach und andere sind durch Straßen und geheime Wege miteinander verbunden. In der Regel sind alle diese Klöster heidnische, d.h. urartäische ebenso wie stein­ und bronzezeitliche Gründungen.

Die größte Befestigung und Burg von Amber’d spielte eine lebenswichtige verteidigungstechnische Rolle wäh­ rend der Herrschaft der Kams’ar’akan -, P’ahlawuni-, Sa k’ar’jan- und Watschut’jan -Fürsten.

 

– Burg von Bdschni

 

Die Burg der P’ahlawuni-Dynastie Bdschni bildete einen Ve rteidigungsschwerpunkt für die Klöster von Ketscharis’ (Tsaghkadzor’), Makar’awank’ (Hr’asdan), Bdschni und Mrawjan. Vgl. zu Bdschni auch die Beiträge von H. Hofrichter und G. Strickhausen in diesem Band.

 

 

– S’mbataber’d

 

Die Burg der Or’beljanfürsten S’mbataber’d hatte eine strategisch-fortifikatorische Bedeutung für die Klöster von Amaghu Nor’awank’, Ar’ates’ ,Aghr’dschotz Wank’ Tsaghatzk’ar’, T’anahat, Gladzor’, Schat’in , Ar’eni und S’pitakawor’ ebenso wie für die Handelsroute, die durch die S’elim-Schlucht und über die S’elim-Kara wanserei führte. In diesem Zusammenhang muss ein

anderer lokaler, die Selbstverteidigungsmöglichkeiten betreffender Aspekt, der stets bei der Errichtung einer Klosteranlage eine Rolle gespielt hat, als von außerordentlicher Wichtigkeit angesehen werden: Neben der Existenz der großen Verteidigungsanlagen van Burgen und Zitadellen haben auch die meisten Klosteranlagen ihre eigenen Verteidigungseinrichtungen wie Wehrmauern, Turme, Tore, Waffenmagazine etc.

Insbesondere muss erwänt werden, dass nahezu alle Kloster Geheimgäge hatten42, welche ihnen die Möglichkeit einer sicheren Evakuierung im Falle einer Belagerung oder der Informationsbeschaffung für eine notwendige Unterstützung oder für die Wasserund Nahrungsversorgung und andere lebenswichtige Guter bot.

Notwendig war auch, dass die Klöster miteinander kommunizieren konnten. Als ein Beispiel für ein derartiges System von Klosteranlagen können diejenigen auf dem Plateau der Ghasach-Schlucht genannt werden. Drei dieser Klöster sind am Rande des Canyons gebaut und werden in diesem Beitrag eingehender angesprochen. So gibt es direkte optische Verbindungen zwischen den Klöstern von Mughni, Howhannawank’ und S’aghmos’awvank’. Darüber hinaus gibt es besondere Einrichtungen, die unzweifelhaft dieser konkreten Verbindung dienten. So hat ein Geheimraum im Obergeschoss der Bibliothek des Klosters von S’aghmos’awank’ ein kleines Fenster in der Südansicht, das auf den ersten Blick wie eine klaffende Fuge wirkt. Es weist genau in die Richtung des Klosters von Howhannawank ‘. Ähnlich stellt sich die Situation zwischen den Klöstern von Mughni und Howhannawank’ dar.

Diese Art der visuellen Verbindung konnte unschwer einen Beitrag zum Informationsaustausch zwischen den genannten Klöstern durch wechselseitig vereinbarte Zeichen und Lichtsignale während der Nacht leisten. Überdies konnte dieser Informationsaustausch wegen des Bestehens von Blickkontakt zwischen zwei Räumen nur schwer von dritter Seite aus eingesehen werden. Ein anderer wichtiger Aspekt bei der Auswahl eines Bauplatzes für ein Kloster waren seine natürlichen fortifikatorischen Rahmenbedingungen. Üblicherweise liegen diese Zentren an den Rändern von Schluchten und werden von zwei oder sogar drei Seiten von eindrucksvollen Felsklippen und Steilhängen geschützt.

 

Natürlicher und ästhetischer Faktor

 

Während der Errichtung der Klosteranlagen legten-ähnlich wie in den vergangenen Jahrhunderten – die Architekten des Landes großen Wert auf die bestmögliche Wahl für den Standort eines Gebäudes, auch auf sein ästhetisches Erscheinungsbild in der Landschaft.

Die Analyse eines Architekturensembles und seiner Verbindung mit dem Umfeld hat gezeigt, dass eine Anzahl von Faktoren für die Platzwahl entscheidend war. Unter diesen waren nicht nur religiöse, ökonomische und verteidigungstechnische Gesichtspunkte von

Bedeutung, sondern auch topografische Charakteristika, das Vorhandensein von Baumaterialien, natürliche Ressourcen wie das Vorhandensein von Trinkwasser, von angemessenen klimatischen Bedingungen usw.

Die architektonischen und umgebungsbedingten Prinzipien bei der Anlage eines Klosters drücken sich in zwei Hauptstrategien aus:

 

  • Völlige Harmonie mit der Umgebung unter Umformung der landschaftlichen Charakteristika in architektonische, diese zu einem künstlerischen Gesamtbild vereinigend;

 

  • Und im Gegensatz dazu die Gestaltung die Gestaltung des architektonischen Ensembles im völligen Gegensatz zu seiner Umgebend

 

Einige Wissenschaftler sehen es – wenn auch grundlos – als erwiesen an, dass sich Bestandteile einer Anlage in in Armenien spontan herausgebildet hätten, dies ohne Berücksichtigung der natürlichen Bedingungen eines Platzes. „Diese Ensembles haben sich in der Regel nicht auf einmal herausgebildet”, schrieb A.L. Yakob­ son. „Schritt für Schritt wurden die übrigen Einrichtun­ gen dem Hauptgebäude angepasst, an erster Stelle der Kirche. Diese Baulichkeiten wurden ohne Rücksicht auf die natürlichen Bedingungen aneinandergefügt, dies ohne Berücksichtigung irgendeiner Symmetrie”43.

 

Es ist offenkundig, dass das jeweilige Landschafts­ bild besondere Rücksichten erforderte. Und es gibt zahlreiche Beispiele für die perfekte Lösung der be­ stehenden Aufgaben. Die Natur Armeniens stellt eine Verbindung von Ebenen, Hügeln und Hochgebirgsmas­ siven dar, die ein damit korrespondierendes Resultat der Ensemble-Organisation verlangte. Die armenischen Architekten haben die Probleme der Ensemble-Einheit gelöst, indem sie sich gleichermaßen der funktionalen als auch der ästhetischen Besonderheiten einer Bau­ aufgabe angenommen haben.

Goshavanq

 

Abb. 12 Klosteranlage Goschawank’, Ansicht von Südwesten (Foto: H. Hofrichter)

  

Wahl des Bauplatzes für das Kloster Nor’ Getik (Goschawank’)

 

In diesem Zusammenhang wertvolle Angaben ent­ halten die Berichte des Historikers Kir’akos’ Gan­ dzaketzi, so besonders aufschlussreiche Details über die Gründung und Errichtung des Klosters von Nor’ Getik durch War’dapet 44 Mchit’ar’ Gosch liefernd. Der Historiker bezeugt, dass War’dapet Mchit’ar ein Wis­ senschaftler und eine weise und vielgereiste Persön­ lichkeit war. Nach Gandzaketzi lebte er für einige Jahre in Chatschen 4 5 , und als Prinz K’ur’d an die Regierung kam und alle seine Besitzungen wiedererlangte, zog es War’dapet Mchit’ar’ aufgrund des Bestehens einer alten Freundschaft in die Nähe des Fürsten, und er ließ sich im Kloster von Getik in der Region von Kajen nieder, wo einer seiner Studenten Oberhaupt des Klosters war.

Als nach einem heftigen Erdbeben Dorf und Kloster zerstört waren und es darüber hinaus zu Streitigkei­ ten mit den Bewohnern des Nachbardorfes gekommen war, begannen die Menschen, ihr Dorf zu verlassen.

War’dapet Mchit’ar ‘ ließ sich diese jedoch nicht in alle Winde zerstreuen, sondern überzeugte sie davon, dass es besser sei, einen anderen Siedlungsplatz zu suchen und auch fernerhin zusammen zu leben. Sie wandten sich mit ihrem Ansinnen an den Großfürsten lwane, den Bruder des georgischen Generals Sak’ar’e. Fürst lwane befahl ihnen, nach einem geeigneten Platz Ausschau zu halten und dort zu siedeln. Später schreibt der Historiker wie folgt: „Nach einiger Suche fanden sie einen wundervollen Platz, der wie eine flache Rinne aussah, im Tal von zwei Bergen floss ein Fluss … [eine Zeile fehlt im Originaltext] … von seiner Höhe, und dieser Platz nannte sich Tandzut-Schlucht 46.

Dort gab es ein Dorf, in dessen Zentrum sich eine Klamm befand. Dort wiederum existierte ein anderer tiefer Fluss auf der rechten Seite. Der Platz war reich an Wäldern und Wasser. Es wurde entschieden, hier zu siedeln”.

War’dapet Mchit’ar’ errichtete zunächst eine hölzerne Kapelle. Später wurde ein wenig oberhalb des Klosters die kleine Kirche Johannes’ d.T.erbaut. Und erst im Jahre 1191(640 armenischer Zeit) begann er die Konstruktion einer herrlichen Kirche, hergestellt aus Haustein und beendete sie vier Jahre „nachdem Saladin Jerusalem erobert hatte”, bezeugt der Historiker47 (vgl. Abb. 12). Diese Hinweise auf die Gründung von Goschawank’ (Nor’ Getik) sind sehr wertvoll, um eine Vorstellung dar­ über zu gewinnen , nach welchen Kriterien der Bauplatz ausgewählt wurde. In diesem Fall haben wir es mit ei­ nem Beispiel dafür zu tun, dass natürliche,ästhetische, ebenso ökonomische und andere Faktoren eine Rolle gespielt haben, dagegen keine Traditionen, kirchlichen oder religiösen Gründe. So können im Falle der Bau­ platzwahl des Klosters Nor’ Getik, das später nach dem Namen des Gründers, des War’dapet Mchit’ar’ Gosch, umbenannt wurde, natürliche, landschaftsbildnerische und künstlerisch-ästhetische ebenso wie ökonomische Charakteristika als dominant angesehen werden.

Wenn man die Prinzipien der Bauplatzwahl für Sa­ kralbauten in Armenien analysiert, muss festgestellt werden, dass es mit Beginn der Antike bis hin zur Ent­ wicklung und Ausbreitung des Christentums konkrete Methoden und Annäherungsversuche gab, die hierfür entwickelt worden sind. Generell wurden vier Prinzipien von prominenten Politikern (z.B. Rüs’s’a II., Tigr’anes II. oder Tr’dat III.), religiösen Stiftern, von Architekten und Baumeistern, die solche Zentren errichteten, für wesentlich gehalten.

In allen Fällen konnten die vier im Folgenden aufge­ führten Hauptprinzipien bzw. Faktoren bei der Bauplatz­ wahl armenischer Sakralarchitektur von besonderer Wichtigkeit sein. Auch konnte einer der Gründe oder es konnten alle vier in Betracht kommen:

 

– Religiöser, mystischer und spiritueller Faktor

 

Diese kirchlichen Zentren wurden an „heiligen Orten” gegründet und weiterentwickelt. Gesellschaften, Religionen und die Gegenstände der Verehrung haben sich geändert, aber die Verehrungsplätze blieben dieselben , insbesondere antike Heiligtümer, die eine bedeutende symbolische, mystische und geistige Bedeutung im religiösen Leben des Volkes spielten. Dazu gehören heilige Haine, die Ufer heiliger Flüsse, überdies Plätze der Prophezeiung. Plätze, an denen große Esoteriker, Propheten und Messiahs gelebt hatten. Plätze, an denen sich sakrale Architektur oder die Religion selbst ebenso wie religiöse Zentren geformt und entwickelt hatten. Die meisten dieser Anlagen stehen an besonders ausgewählten Orten, und diese wiederum sind durch Jahrhunderte hindurch im Bewusstsein der Menschen verankert geblieben.

 

– Ökonomischer Faktor

 

Ab der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts wurden die Kloster starke ökonomische Einheiten, gefördert durch den Adel. Der ökonomische Faktor spielte eine zunehmend größere Rolle (das Vorhandensein von

Straßen, wohlhabenden Dörfern, von Flüssen, Wäldern, natürlichen Mineralquellen , das Vorhandensein fruchtbaren Landes, von geeigneten Baumaterialien in der Nachbarschaft usw.).

 

– Militarischer und verteidigungstechnischer Faktor

 

Diese Zentren bildeten und entwickelten sich in der Nahe bestehender Siedlungen, Straßen und – was sehr wichtig ist – in der Nähe großer militärischer und der Verteidigung dienender Anlagen, welche die Sicherheit der Bevölkerung während feindlicher Angriffe und Belagerungen, gewährleisteten: Die Existenz von Burgen und nahegelegen Zitadellen, auch das Vorhandensein eigener Verteidigungsanlagen, eine gut erreichbare Verbindung zwischen benachbarten religiösen Zentren, Geheimgänge, Tunnels und Rückzugsräume für die Bevölkerung im Falle eines Krieges, ebenso als Möglichkeit der Ergänzung von Nahrungsmitteln und Wasser sowie von Waffenlagern während Belagerungszeiten, die Nutzung natürlicher Verteidigungsfaktoren .

 

Natürlicher und ästhetischer Faktor

 

Harmonie mit der unmittelbaren Umgebung hat ebenso wie der ästhetische Faktor während der Errichtung eines Tempels, einer Kirche oder eines Klosters eine Rolle gespielt. Der hohe Gestaltwert eines Gebäudes oder eines Ensembles beinhaltet ästhetische wie von Emotionen geprägte Aspekte.

Innerhalb dieses Beitrages standen nicht nur die architektonischen, konstruktiven oder ästhetischen Seiten der armenischen Architektur zur Debatte, sondern auch die historischen Nachrichten und Fakten über sie, ebenso ihre Baugeschichte .

Die christliche Architektur Armeniens hat einen langen, von Experimenten gekennzeichneten Weg durch die Jahrhunderte genommen, hierbei Traditionen weiterentwickelnd, so durch Anlehnung an die heidnische Architektur, und insbesondere kompositionelle Besonderheiten für den Mauerwerksbau, speziell für die Steinarchitektur und die zugehörigen Baukonstruktionen, herausbildend.

Indem sie sich an die übernommenen Regeln hielten oder sich ihnen annäherten, haben die armenischen Architekten über ein Jahrtausend lang ein großes Erbe sich nicht wiederholender Meisterwerke der Kulturgeschichte geschaffen. Unsere Aufgabe ist es, dieses Erbe zu bewahren und es kommenden Generationen unbeschadet zu übereignen.